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»Grüne Welle« Esther Schüttpelz

# Das Zitat

»Trotzdem konnte die Freundin der Frau beinahe nicht mehr sagen, ob sie den Mann mehr dafür hasste, das Leben der Frau ruiniert zu haben oder ihr eigenes. Ob sie sein Kontrollverhalten seiner Frau gegenüber oder sein demonstratives Desinteresse ihr gegenüber mehr störte.«

# Der Inhalt

Die namenlose Frau kommt nach dem Kinobesuch mit ihrer einzigen Freundin vom Heimweg ab. Während sie so fährt und fährt und auf eine nie kommende rote Ampel zum Wenden wartet, lässt sie uns an ihren Gedanken teilhaben. Sie hat einen gestrengen Ehemann, sie ist Künstlerin, der Akku ihres Handys ist leer. Ein Wildunfall beschert ihr die abrupte, schmerzliche Erkenntnis, dass das tote Reh gleichsam sie selbst symbolisiert. Sie bettet es in ihren Kofferraum und begräbt es schließlich mit Hilfe von zwei jugendlichen Anhalterinnen, die sie an einer Tankstelle aufgegabelt hat, in einem Waldstück. Viele Stunden nach Kinoschluss befindet sie sich auf dem Rückweg, der statt in der heimischen Hölle vor der Wohnung ihrer Freundin endet.

# Die Form

Die »Grüne Welle« ist ein linear erzählter Road-Roman, der von der letzten gebliebenen Freiheit – den Kinobesuchen mit der Freundin – über die kathartische Selbsterkenntnis – der Tod des Rehs –zur wahrhaftigen Freiheit – Ankunft bei der Freundin – führt. All dies erfährt der Lesende quasi als Beifahrer durch den inneren Monolog der Frau.

Die äußere Handlung ist mit der Fahrt vom Kino in Richtung Zuhause kurz und knapp, die innere Handlung jedoch erhält durch Esther Schüttpelz‘ Formuliertiefe und sprachliche Eleganz den Raum, der ihr gebührt.

Dieser Roman hat ein konstant hohes Tempo, das geschickt und trotz ihrer teilweise unglaublichen Länge klug verschachtelten Bandwurmsätze erzeugt und gehalten wird.

Raffiniert eingebaut ist auch eine falsche Fährte, die den Lesenden an der Wahrhaftigkeit der Freundschaft zweifeln und uns einen angewiderten Blick auf die Grandiosiät des Anwaltgatten werfen lässt.

Nach 24 Kapiteln und etwa 24 Stunden stellen wir den Motor des Wagens in einem offenen Ende vor der Wohnung der Freundin aus. Klug gewählt ist das, denn dieses Ende der Irrfahrt zur Selbsterkenntnis bildet den Start in eine andere, eine bessere Zukunft.

# Mein Fazit

Schon während der allerersten Seiten hatte ich Schnappatmung und Tränen in den Augen, weil ich schon durch die klitzekleinen Andeutungen aus eigener Erfahrung ganz genau wusste, was für einem Kerl die »Frau« aufgesessen ist.
Ich bin auf die »Grüne Welle« aufgesprungen, bin mitgefahren mit der Frau, konnte so viele Dinge direkt nachvollziehen. Ein sehr kluger Kunstgriff ist, wie ich finde, die falsche Fährte, das Treffen der Freundin mit dem Ehemann. Falls man sich gefragt haben, sollte, weshalb eine so kluge Frau wie die Autofahrerin auf so einen Schmock reinfallen und dann auch noch bei ihm bleiben kann, wird man hier aufgeklärt, mehr will ich gar nicht verraten.
»Grüne Welle« ist ein fabelhafter Roman, einem Road-Movie gleich (ich dachte sofort an »Thelma & Louise«), man wird von der Welle erfasst und kann nicht zu lesen aufhören. Ich habe den Roman an einem Tag »durchgesuchtet« und werde ihn sicherlich nochmals lesen.

Nicht nur aus aktuellem prominenten Anlass eine klare Leseempfehlung! Gut geeignet für verregnete Frühlingstage und für alle, die das Gefühl haben, in ihrem Leben läuft etwas völlig falsch.

Claudia Stieglmayr

»Grüne Welle« von Esther Schüttpelz
Hardcover Leinen, Diogenes Verlag
208 Seiten
25. Februar 2026, 25 Euro
978-3-257-07381-2

Außerdem habe ich von Esther Schüttpelz gelesen, geliebt und auf diesem Blog besprochen: »Ohne mich«.

»Grüne Welle« von Esther Schüttpelz wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.


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