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»Bambino« Marco Balzano

# Das Zitat

»Mir kam es vor, als dächten alle, ich würde mich nicht genug anstrengen, deshalb schlug ich umso heftiger zu. Ich fühlte mich von niemandem gemocht, deshalb sollten alle mich fürchten, in der Casa del Fascio und außerhalb.«

# Der Inhalt

Mattia Gregori erfährt von der auf dem Sterbebett liegenden Tella, dass sie nicht seine leibliche Mutter ist. Von diesem Moment an setzt er alles daran, sie zu finden, aber der Vater will sein Schweigen nicht brechen, sein Bruder setzt sich rechtzeitig vor dem Ersten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten von Amerika ab, der Junge verliert jeglichen Halt und lässt sich – durch Spott und Hohn getrieben – auf die Schlägertrupps der italienischen Faschisten ein; gar nicht aus einer Gesinnung heraus, sondern aus unbändiger Wut auf einfach alles.

Er raubt, mordet, vergewaltigt – vollkommen gefühllos und ohne jeden Skrupel. Sowohl als fremdenfeindliches Schwarzhemd als auch als Soldat im Ersten Weltkrieg und im Zweiten als Denunziant für die Deutschen begeht Gregori ein Verbrechen nach dem nächsten. Der einzige Mensch, der stets zu ihm hält, ist sein Vater, obwohl es ihm angesichts der Verbrechen seines Sohnes wirklich schwerfällt. Trotz aller Grausamkeiten begleiten wir immer einen Menschen und kein Monster.

# Die Form

Die Erzählzeit ist nicht lang. Sie dauert nur einen Wimpernschlag zwischen Verhaftung und Exekution. Aber die erzählte Zeit erstreckt sich über ein ganzes Leben, das an Mattia vorbeizieht, bis die Kugel ihn endlich erlöst.

Aufgeteilt in vier Abschnitte, begleiten wir den Roman über Mattia Gregori, geboren um 1900 im nordost-italienischen Triest, durch zwei Weltkriege hindurch bis in die 50er-Jahre.

Die Sprache in »Bambino«, großartig übersetzt aus dem Italienischen von Peter Klöss, ist so krude, dass man sich unwillkürlich fragt, ob Marco Balzano beim Schreiben geweint oder Ekel vor sich selbst und seiner Fantasie empfunden hat. Die Bilder, die Balzano erzeugt, kommen der mutmaßlichen Realität erschreckend nah.

»Homo homini lupus – Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.« Ein vom römischen Dichter Plautus stammender Spruch, der durch den Philosophen Thomas Hobbes zum berühmt gewordenen geflügelten Wort wurde, zeigt sich in »Bambino« auf die allerhässlichste Weise. »Bambino« ist die persönliche Biografie der fiktiven Person Mattia Gregori, eingebettet in gut recherchierten Geschichtsunterricht.

# Mein Fazit

Das Wichtigste vorweg: Dieser Roman ist beileibe nichts für schwache Nerven und zartbesaitete Gemüter. Keine Lektüre für sonnige Tage, nichts zum Wegnaschen und Genießen. Marco Balzano liefert hier einen Blick in die Abgründe menschlichen Seins, der mich schlecht träumen ließ. Immer wieder musste ich zu lesen aufhören, weil ich nicht ertragen konnte, was ich da las. Und dennoch: Die Entwicklung von Mattia zum skrupellosen Schlächter ist so folgerichtig und unausweichlich, dass es schmerzt.

Beklemmend, bedrückend, kaum auszuhalten – das sind Attribute, die mir beim Lesen durch den Kopf gingen. »Bambino« ist ein Roman, den man sicherlich nicht guten Gewissens zu Geburtstagen verschenkt, aber sich dennoch gern selbst anschafft. Balzano erinnert uns daran, dass der Mensch bei aller Abscheu immer noch ein Mensch ist. Allen Gräueltaten zum Trotz. Die Thematik ist erschreckend aktuell, Plautus und Thomas Hobbes hatten leider recht und werden immer recht haben, wenn sich nicht grundlegend etwas im Denken der Menschen ändert.

Trotz aller Düsternis ist »Bambino« erstklassige, bewegende und nachhallende Literatur und erhält von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Claudia Stieglmayr

»Bambino« von Marco Balzano
Hardcover Leinen, Diogenes Verlag
256 Seiten
21. Januar 2026, 25 Euro

978-3-257-07352-2

Außerdem habe ich von Marco Balzano gelesen, geliebt und auf diesem Blog besprochen: »Das Leben wartet nicht«, »Ich bleibe hier«, »Wenn ich wiederkomme« und »Café Royal«.

»Bambino« von Marco Balzano wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.


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