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Marco Balzano »Ich bleibe hier«

Hardcover Leinen, Diogenes Verlag, 288 Seiten
24. Juni 2020, 22 Euro
ISBN 978-3-257-07121-4
 
Aus dem Italienischen vorzüglich übersetzt von Maja Pflug.

»Ich bleibe hier« von Marco Balzano wurde mir freundlicherweise vom Diogenes Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst. Dieser Text enthält Werbung in Form von Affiliate-Links zu Amazon.

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Buchbesprechung »Ich bleibe hier« von Marco Balzano, gelesen von Claudia Stieglmayr.

# Das Zitat

»Die einzige Möglichkeit weiterzuleben ist vielleicht, sich zu verändern und nicht zu erstarren. An manchen Tagen bereue ich es, doch es geht mir schon mein ganzes Leben so: Plötzlich muss ich mich von Dingen befreien, sie verbrennen, sie zerreißen, sie von mir wegschieben. Ich glaube, das ist mein Mittel, um nicht wahnsinnig zu werden.«

# Der Inhalt

Trina und Erich sind beide im Tiroler Vinschgau geboren und aufgewachsen, das Dorf Graun ist ihre Welt. Sie heiraten in den 1920ern und bekommen im Abstand von vier Jahren die Kinder Michael und Marica.

Trina ist zwar ausgebildete Lehrerin, darf aber nach dem Examen nicht unterrichten, denn inzwischen haben die italienischen Faschisten unter Mussolini die Region annektiert. Trina unterrichtet trotzdem heimlich im Untergrund und mit Unterstützung der Kirche. Erich ist Kleinbauer, und Sohn Michael lernt beim Opa Schreiner. Tochter Marica ist im Alter von etwa zehn Jahren von Onkel und Tante in ein vermeintlich besseres Leben in Deutschland entführt worden und meldet sich nie mehr bei ihren Eltern.

Ein erster Schatten zieht über das Dorf, als Ende der 1930er Jahre süditalienische Arbeiter anrücken, die das 1911 zuerst urkundlich erwähnte Bauvorhaben des Stausees am Reschenpass realisieren sollen. Erich muss für Mussolini in den Krieg, 1942 kommt er verwundet zurück. 1943 marschieren Hitlers Soldaten in die Region; sie werden wie Befreier gefeiert. Während Sohn Michael sich sogar freiwillig zum Kriegsdienst für die Nazis meldet, will Erich nicht auch noch für die Deutschen töten und desertiert. Er flieht in die Berge. Trina, die nicht unter den Nazionalsozialisten unterrichten will, begleitet ihn. In den Bergen widerfährt dem Ehepaar Schreckliches, es kehrt aber schließlich in sein geliebtes Heimatdorf Graun zurück.

Der Zweite Weltkrieg hat das gigantische Bauvorhaben des Stausees zwar unterbrochen, aber nach Kriegsende nimmt der italienische Montecatini-Konzern die Arbeiten wieder auf. Graun gehört nun endgültig zu Italien. Erich hat längst verstanden, was gespielt wird, nur leider schafft er es nicht, die bornierten Bauern der Region zu überzeugen. Trina und Erich kämpfen nun einen unermüdlichen Papierkrieg, um den Bau zu stoppen. Selbst der Papst bekommt Post.

Als 1949 eine unangekündigte Probestauung das halbe Dorf knietief unter Wasser setzt, begreifen es endlich alle Bewohner, aber jetzt ist es zu spät. Der Damm wird fertig gebaut, das Tal geflutet, Einwohner und auch die Toten vom Friedhof werden umgesiedelt. Ein Jahr dauert es, bis der sechs Kilometer lange See vollständig gefüllt ist – und nur noch der Kirchturm als ewiges Mahnmal herausragt.

»Ich bleibe hier« lautet der Titel des Romans. Und Trina ist geblieben. Sie ist sich immer treu geblieben, hat nie aufgegeben, stets an die Kraft des Wortes geglaubt und sich mit neuen Situationen arrangiert. Aber sie hat auch Federn lassen müssen. Ihre Tochter bleibt verschwunden, Michael ist schwer zu verzeihen, dass er mit den Nazis sympathisiert hat, und Erich schließlich hat die Umsiedlung in eine neue Wohnung nicht mehr erlebt.

# Die Form

In die wahre Entstehungsgeschichte des Reschenstausees bettet Marco Balzano die fiktive Biografie von Trina, die ein einfaches und anständiges Leben im Vinschgauer Dorf Graun führt.

Marco Balzano wählt als erzählende Person eine Frau, die ihre eigene Geschichte als Ich-Erzählerin berichtet. Trina richtet ihre Worte in einem langen Brief an ihre verschollene Tochter Marica, in dem sie Rückschau hält auf ihr Leben im Vinschgau. Der berichtete Zeitraum umfasst die Zeit zwischen 1923, als Trina ihr Abitur macht, bis in die 50er Jahre hinein.

Die Sprache ist schlicht gehalten. Schnörkellos und sachlich, ja, fast emotionslos erzählt Trina chronologisch die Ereignisse. Sehr abgeklärt und passend zum kargen und harten Leben in den Tiroler Bergen.

# Mein Fazit

Wenn ein aus der Mitte eines sechs Kilometer langen Stausees herausragender Kirchturm alles ist, was von deinem Leben, deiner Vergangenheit, deinem Dorf geblieben ist, dann ist klar, dass alles Kämpfen vergebens war. Im Vinschgau wurden Zeugnisse der Vergangenheit einer ganzen Region erst in die Luft gesprengt und dann ertränkt.

Marco Balzano schreibt im Nachwort, dass ihn der aus dem See wie ein Mahnmal ragende Kirchturm, der auch auf dem Titel abgebildet ist, dazu inspiriert hat, eine in historische Fakten eingebettete persönliche Schicksalsgeschichte zu schreiben.

Dieser Roman ist eine spannende Mischung aus interessanter Zeitgeschichte mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit. Marco Balzano erschafft mit seinen Worten ein tiefes Verständnis für die zwischen Österreich, Deutschland und Italien zerriebenen Dörfler. Man weiß dort einfach nicht, wem man Glauben schenken soll. Aus schlimm wird schlimmer, während der einfache Bauer doch eigentlich nur seine Arbeit verrichten, seine Dorfgemeinschaft pflegen und seine Ruhe haben will. Manch einer weiß in seiner Schlichtheit nicht, wo ihm der Kopf steht – bis ihm das Wasser buchstäblich bis zum Hals reicht.

Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen, denn seine Figuren sind alle überaus glaubhaft und authentisch. Nur Erzählerin Trina ist mir ein klein wenig zu unweiblich gestaltet. »Ich bleibe hier« ist ein guter Roman, ein wichtiger Roman, wie ich finde. Ich möchte ihn uneingeschränkt empfehlen, obwohl er mich trotz aller Wortkraft nicht ganz so im Innersten berührt hat wie Balzanos »Das Leben wartet nicht«.

Claudia Stieglmayr

Außerdem habe ich von Marco Balzano gelesen, geliebt und besprochen: »Das Leben wartet nicht«.

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