»Stunden wie Tage« Shelly Kupferberg
# Das Zitat
»Als sie sich bei Willy darüber beschwerte, antwortete er nüchtern. Es seien doch alles dieselben Beamten, die sich auch damals treu an die Gesetze gehalten hatten. Man müsse sich nicht wundern, wenn die genauso herumhitlerten wie zu braunen Zeiten.«
# Der Inhalt
Martha, geboren am 20. April 1905 in sehr bescheidenen katholischen Berliner Verhältnissen, verdingt sich nach Beendung ihrer Ausbildung zur Kontoristin als Hausbesorgerin für ein Wohnhaus in Schöneberg, das den jüdischen Brüdern Berkowitz gehört. Da sie fleißig, zuverlässig und mit förmlichen Umgangsformen vertraut ist, überträgt ihr Henry Berkowitz auch hin und wieder die Aufsichtspflicht für seine geliebte Tochter Liane. Liane ist ein Wildfang, was ihrer russischen Mama Katharina zunehmend Sorge bereitet. Martha und ihr Mann Willy konnten nach einer Fehlgeburt keine Kinder bekommen und nehmen sehr gern die Rolle der Hinundwieder-Eltern ein. Nachdem der Erste Weltkrieg überstanden ist, beobachten die Menschen mit Sorge die erwachende Judenfeindlichkeit.
Dreh- und Angelpunkt ist das Schöneberger Wohnhaus mit seinen Bewohnern. Bewohner, wie es sie überall gibt. Den Freidenker, den Verschlossenen, die Fremdenfeindliche, die Alte, den Blockwart.
Ab 1933 denken die Berkowitzens über Auswanderung nach, Bruder Ber zieht es in die USA, während Henry seine Frau nicht überzeugen kann, sich scheiden lässt und allein, ohne seine geliebte Tochter Liane, nach England emigriert, als immer wieder um sie herum Menschen verschwinden.
Während dieser düsteren Zeit nun wächst Liane heran, verliebt sich, bildet sich ihre eigene Meinung über Menschenhass und wird zur empörten Widerstandskämpferin im Untergrund. Es kommt, wie befürchtet, sie wird schwanger verhaftet und darf noch vor ihrer Hinrichtung das Kind zu Welt bringen, was aber nach nur sieben Monaten verstirbt. Katharina kann die Verluste nicht verwinden und folgt ihnen nach.
Jahre nach Kriegsende kommt es zu einer letzten Begegnung von Martha und Henry in Berlin. Martha lebt bis zur Jahrtausendwende in ihrem Berliner Kietz – jeder kennt sie, aber keiner weiß, wer sie ist.
# Die Form
»Stunden wie Tage« umspannt ein ganzes deutsches Jahrhundert. Linear erzählt anhand einzelner Handlungsstränge, die Shelly Kupferberg zu einem kompletten Kunstwerk verwebt. Sie adaptiert die Sprache der Zeit, die Sprache des Kiez‘, ohne auch nur eine Sekunde gekünstelt zu wirken. Sie schafft es sprachlich sehr elegant, den Lesenden eintauchen zu lassen in die Zeit, die sie beschreibt.
Der Roman rankt sich um einen zentralen Ort, ein real existierendes Wohnhaus in Berlin Schöneberg. Hier werden mit wenigen Worten liebevolle Bilder von Bewohnern gezeichnet, ihre Marotten, ihre Ansichten, ihre kleinen und großen Kümmernisse in einem bunten und trotz der düsteren Zeit durchaus lebensfrohen Bild sprachlich genial vereint.
# Mein Fazit
Als die Journalistin Shelly Kupferberg von einem Gerücht um ein Schöneberger Wohnhauses erfuhr, wurde sie neugierig und beschloss, den Hintergrund zu recherchieren. Dass viele der Personen tatsächlich gelebt haben, versichert sie in ihrer Nachbemerkung. Deshalb mag ich gar nicht so sehr von Roman sprechen, »Tage wie Stunden« ist vielmehr ein wertvolles Stück Zeitgeschichte in literarischer Form.
Abgesehen von der wunderbaren Art zu schreiben und dem anrührenden Inhalt habe ich auch noch persönliche Gründe, diesen Roman zu lieben. Meine eigene Großmutter teilt mit Martha E. das Geburtsjahr, Anstand und Bescheidenheit.
Eine unbedingte Leseempfehlung für jene, die ein wenig Geschichtsunterricht benötigen und Einblick in die dunkelste Zeit Deutschlands aus Sicht der kleinen Leute haben möchten.
Claudia Stieglmayr
»Stunden wie Tage« von Shelly Kupferberg
Hardcover Leinen, Diogenes Verlag
272 Seiten
25. März 2026, 25 Euro
978-3-257-07348-5
»Stunden wie Tage« von Shelly Kupferberg wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.
