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»Anton und Alma« Dana Vowinckel

# Das Zitat

»›Alma?‹, sagte er. ›Ja‹, sagte sie, ›ich bin hier. Ist was passiert? Ist dir was passiert?‹ Es war still in der Leitung. Adrenalin in ihrem Bauch, die Finger schwebten kalt über dem Esstisch, an den sie sich gesetzt hatte. Er zog die Nase erneut hoch. ›Kann ich nach Hause kommen?‹«

# Der Inhalt

Vordergründig geht es in »Anton und Alma« um die gleichnamigen Protagonisten; Anton, der jüdische Junge aus intellektuellem, kosmopolitischem Berlin-New-York-Hause, und Alma, das aus kleinbürgerlichen Biesdorfer Verhältnissen stammende Mädchen mit dem Einser-Abitur.

Die zwei lernen sich während eines Schüleraustausches in Frankreich kennen und begegnen sich viele Jahre später am Campus der Berliner Universität wieder, verlieben sich ineinander, lernen einander besser kennen, ziehen umständehalber zusammen und haben Alltagsproblemchen zu lösen.

Die Literaturwissenschafts-Studentin und der Historiker überstehen eine monatelange Trennung, als Anton in York studiert. Nach seiner Rückkehr haben sie verständlicherweise zunächst Anpassungsschwierigkeiten, meistern aber auch diese Hürde. Über allen Schwierigkeiten steht immer die unverbrüchliche Liebe und Zuneigung der beiden. Doch wie es manchmal eben so ist, reicht das nicht immer.

Als es Anton erneut und diesmal für einige Jahre nach New York zieht, stellt Alma ihn unbedacht vor die Wahl: sie oder New York. Folgerichtig, aber nicht leichtfertig, entscheidet Anton sich für seine persönliche Zukunft und zieht schließlich als Single nach New York.

Um Halt in ihrem haltlosen Kummer zu finden, schließt sich Alma der jüdischen Gemeinde in Berlin an und findet dort zum ersten Mal in ihrem Leben Trost, Freundschaft und Gemeinschaft. Sie entschließt sich dazu, zum jüdischen Glauben zu konvertieren. Nach dem 7. Oktober 2023, dem Tag des Überfalls der Hamas auf Israel, weiß Anton emotional nicht mehr ein noch aus und (siehe Zitat) kehrt vor Beendigung seiner Masterarbeit zu Alma zurück.

Dieses Mal haben sie größere Schwierigkeiten, sich zusammenzuraufen, die Kluft der Trennung zu überwinden. Als Anton per Zufall erfährt, dass Alma sich anschickt, zum jüdischen Glauben zu konvertieren, ist er außer sich vor Wut. Zu einer Versöhnung kommt es nicht mehr.

Innerhalb des Rahmens der Geschichte von Anton und Alma setzt sich Dana Vowinckel sehr gründlich anhand von Antons Recherche zur Historie der Chasaren mit der Geschichte der Konvertiten zum Judentum auseinander, zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Gläubigen und dem »jüdischen Volk« auf und liefert alles in allem – und das ohne erhobenen Zeigefinger – eine genaue Beschreibung darüber, was es heutzutage bedeutet, Jude zu sein. Dazu läuft parallel zu den komplizierten Emotionen von heranwachsenden Persönlichkeiten die Problematik eines jüdisch-nichtjüdischen Paares und die Geschichte einer tiefen Liebe und innigen Verbundenheit.

# Die Form

Die erzählte Zeit erstreckt sich über einige Jahre der Gegenwart. Die Millennials Anton und Alma durchleben gemeinsam die Corona-Zeit, erleiden den Schock durch die Terroranschläge vom 7. Oktober 2023 und pirschen sich an die Jetzt-Zeit heran.

»Anton und Alma« ist aufgebaut wie ein klassisches Drama, eine Tragödie in fünf Akten. Der kurze Prolog spielt in der Schulzeit, Frankreichaustausch. Anton und Alma begegnen sich. Im 1. Akt (Exposition) lernen die Protagonisten Anton und Alma einander kenne. Der 2. Akt legt die Konflikte der beiden offen. Im 3. Akt: die Peripetie (Trennung, New York für 5 Jahre). Im 4. Akt: die sogenannte fallende Handlung, das retardierende Moment: Es wird nochmals ein wenig Spannung aufgebaut, die wiederaufgenommene Beziehung ist schwierig. Im 5. Akt passiert aus heiterem Himmel die Katastrophe, die mit den beiden Protagonisten direkt gar nichts zu tun hat. 6. Der Epilog. Anton muss den Verlust von Alma verwinden und verarbeiten.

»Anton und Alma« ist sprachlich so präzise, so glatt und gestochen scharf und dabei beschreibend neutral, dass sich die inhaltliche, vielschichtige Schwere förmlich nackt präsentiert.

# Mein Fazit

An der Länge meiner Inhaltsangabe sieht man schon, wie unglaublich dicht gewoben dieser zeitgenössische Roman ist! Und ich persönlich stelle fest, dass es mir sehr schwerfällt, über »Anton und Alma« zu schreiben, weil ich diesen Roman unfassbar gut finde. Ich würde so gern angemessen darüber schreiben, aber ich fürchte, dass es mir leider nicht annähernd gelungen ist.

Auf Seite 51 (im E-Book) habe ich notiert: »Man verliebt sich in die beiden.« Das ist ein Zehntel des Gesamtumfangs. Und genau deshalb ist es so unglaublich schmerzlich, was im vorletzten Akt passiert.

So viel kann ich sagen: NOCH NIE hat ein Roman es geschafft, mich so sehr zum Weinen zu bringen, wie »Anton und Alma«. Noch nie war die Entwicklung der Protagonisten so folgerichtig, so logisch, so menschlich, während die supersachliche Sprachlichkeit der Emotionalität so sehr Rechnung getragen hat. So unerwartet kam der schreckliche Höhepunkt, während die Protagonisten so sehr verletzlich waren. Auch das unglaublich folgerichtig.

»Anton und Alma« von Dana Vowinckel hat es zu Recht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026 geschafft.

# Für wen ist das was?

»Anton und Alma« ist ein Roman für alle, die die Kombination von virtuoser und zugleich simpler Sprachlichkeit und kompakter Inhaltlichkeit zu schätzen wissen. Omnia vincit Amor.

Claudia Stieglmayr

»Anton und Alma« von Dana Vowinckel
Fester Einband mit Schutzumschlag, Suhrkamp Verlag
542 Seiten
02. September 2026, 26 Euro
978-3-518-43297-6

»Anton und Alma« von Dana Vowinckel wurde mir freundlicherweise vom Suhrkamp-Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos als E-Book zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.


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