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»Damals, am Meer« Marco Balzano

# Das Zitat

»›Ist das schön!‹, seufzte der Großvater. Papa nickte mit dem Kopf wie ein kleines Kind. Am Himmel über dem Meer zogen fransige Wolken vorbei, die der Wind mitzerrte wie Hunde an der Leine.«

# Der Inhalt

Leonardo, Ricardo, Nicola. Großvater, Vater, Sohn. Analphabet, Abitur, Hochschulstudium. Drei Generationen, drei Weltanschauungen, drei Temperamente – und ein Ziel: die Wohnung am Meer.

Jene Wohnung, die einst Zuhause, war, dann viele Sommer lang Feriendomizil und nun ein vor sich hin rottender Klotz am Bein der Familie, soll verkauft werden. Die drei Männer quetschen sich also in einen amaranthroten Fiat Punto und machen sich aus dem norditalienischen Mailand auf den Weg ins 800 Kilometer entfernte Barletta an der apulischen Adria-Küste, um das Immobiliengeschäft in die Wege zu leiten.

Kilometer um Kilometer fahren sie zurück in die familiäre Vergangenheit; in die Heimat des einen, in die Kindheit des zweiten und zu den Erinnerungen an die sommerliche Leichtigkeit der Ferien, die der dritte in Kindheit und Jugend dort verbracht hat.

Die gemeinsame Zeit ist durchsetzt mit Streit und Unverständnis für die anderen, die Wohnung ist ein einziger Schutthaufen, und der letzte Freund des Großvaters ist einen Tag vor ihrer Ankunft verstorben. Die Wohnung wird an die bedürftigen Nachbarn verscherbelt, der Vater fährt mit dem Auto weiter zu einem Geschäftstermin, der Opa setzt sich in die Bahn nach Mailand, und der Enkel kehrt noch bei seiner anderen Oma ein, die die Gegend nie verlassen hat.

# Die Form

Die erzählte Zeit umfasst grob ein Wochenende, die Erzählzeit umspannt drei Generationen. Der Jüngste, Ich-Erzähler Nicola Russo, berichtet und analysiert aus seiner Perspektive. Der Aufbau ist linear gestaltet, der Plan, die Reise, das Ziel.

Die Sprache wie immer klar und schlicht, schön übersetzt aus dem Italienischen von Maja Pflug.

Symbolisch kommt das Ende daher: Nachdem der letzte gemeinsame Verbindungspunkt in Form der Wohnung durch Verkauf ausgelöscht ist, trennen sich die Wege der drei Russos.

# Mein Fazit

Ich bin einfach ein großer Balzano-Fan, das gebe ich gern zu. Ich mag diese schlichte Sprache, derer er sich bedient, um von schlichten, von einfachen Menschen zu erzählen. Trotz der Schlichtheit umgibt er seine Personen mit großer Wärme, man spürt in jeder Zeile, dass Marco Balzano ein Philanthrop ist.

Die Geschichte über Wurzeln, Entwurzelung und Vergangenheit ist anrührend, der Generationenkonflikt nachvollziehbar und dicht dargestellt. Ein schöner Roman für alle Jahres- und Gemütszeiten.

»Damals, am Meer« ist Balzanos Erstlingswerk, und das merkt man auch, wie ich finde, im Vergleich zu den aktuelleren Romanen. Hier bricht er noch durch Analyse aus Sicht des Jüngsten den Romanfluss, in den neueren Werken gelingt es ihm, seine Erklärungen sprachlich mit der jeweiligen Person zu verschmelzen und sie selbst durch Handeln oder Sprechen erzählen zu lassen.

Claudia Stieglmayr

»Damals, am Meer« von Marco Balzano
Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Taschenbuch, Diogenes Verlag
240 Seiten
27. Oktober 2021, 14 Euro
978-3-257-24568-4

Außerdem habe ich von Marco Balzano gelesen, geliebt und auf diesem Blog besprochen: »Das Leben wartet nicht«, »Ich bleibe hier« und »Wenn ich wiederkomme«, »Café Royal« und »Bambino«.

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