»Mit beiden Händen den Himmel stützen« Lilli Tolkien
# Das Zitat
»›Ich musste ins Heim‹, sage ich, ›weil du nicht mehr da warst.‹ Aber mein Vater winkt ab. ›Du bist ins Heim, weil du das Pferdebetäubungsmittel deiner Mutter geschluckt hast.‹«
# Der Inhalt
Lale ist die Tochter eines verurteilten Bankräubers und einer schwerst Drogenabhängigen. Ihre Kindheit und Jugend im Berlin der 1980er ist geprägt von Vernachlässigung, der Suche nach Grenzen und Struktur, Missbrauch von Drogen und Alkohol. Bis zu ihrem völligen Haltverlust nach dem Abitur, welches sie trotz oder wegen aller privaten Umstände mühelos ablegt, geben ihr Kinderladen und Schule zumindest einen halben Tag lang ein regelhaftes Gerüst, an dem sie sich orientieren kann.
Weil Lales Mutter nicht zuverlässig auf ihre Tochter achten kann, landet diese zunächst im Heim und anschließend in einer verwahrlosten Männer-WG, in der auch ihr Vater nach seiner Haftentlassung unterkommt. Dort wird sie von einem WG-Mitglied bereits als Kindergartenkind missbraucht.
Lales Leben ist mühsam und geprägt von der Suche nach Struktur und Halt. Sie probiert Drogen und Alkohol, schwimmt irgendwie durch die Schulzeit und wünscht sich einen Menschen, an den sie sich klammern kann. Die Mutter stirbt am Drogenmissbrauch, der Vater am Krebs. Ohne den familiären Ballast scheint sie ihr Leben langsam in den Griff zu bekommen.
# Die Form
Die Ich-Erzählerin Lale berichtet im Präsens, manche Abschnitte sind im Futur verfasst als Ausblick in die Zukunft. Der sperrige Titel »Mit beiden Händen den Himmel stützen« ist einer Figur im Qi-Gong entnommen, was ganz am Schluss benannt wird. In einem Interview sagt Lilli Tollkien, dass sie die Titelidee exakt passend zum Kernthema ihres Romans finde.
»Mit beiden Händen den Himmel stützen« wird linear erzählt mit kurzen Zukunftsvisionen, die leider nicht durchgängig an den Kapitelenden eingefügt werden. Die erzählte Zeit umspannt vorgeburtliche Sequenzen um 1980 bis zum Genesungsbeginn in einer Klinik gegen Ende der 90er-Jahre.
Dem Roman fehlt es formalistisch an konsistenter Struktur, er ist mehr tagebuchartig angelegt. Der Versuch, Neurodivergenz anhand von Lales Charakter sichtbar zu machen, scheitert bedauerlicherweise.
# Mein Fazit
Lilli Tolllkien selbst beschreibt ihren Roman als »fiktional mit autobiografischen Elementen«. Viele Autor:innen beginnen ihre Schreibkarriere damit, ihre eigene Geschichte zu verarbeiten, nur unterscheiden sie sich dabei in ihrer Fähigkeit zur Distanz. Das macht meiner Meinung nach die literarische Qualität aus. Esther Schüttpelz ist das beispielsweise in ihrem Erstling »Ohne mich« gelungen. Vielleicht ist die Distanzlosigkeit in »Mit beiden Händen den Himmel stützen« exakt das, was die Autorin beabsichtigt, verhindert aber den Sprung zur gehobenen Literatur. Was gar nicht schlimm ist.
Nachdem ich die Leseprobe aus dem Reader zur Longlist des Deutschen Buchpreis 2026 gelesen hatte, sah ich »Mit beiden Händen den Himmel stützen« ganz vorn im Rennen. Nach der Lektüre des vollständigen Romans beurteile ich das anders. Durch die gewählte Ich-Form rückt »Mit beiden Händen den Himmel stützen« fort von Literatur und in die Nähe des Stern-Journalismus‘ der 80er-Jahre.
Dennoch kann ich aufgrund des brandaktuellen Inhalts Lilli Tollkiens Roman als lesenswert empfehlen. Man muss aber schon starke Nerven haben, sich durch eine kindeswohlgefährdete Kindheit und Jugend zu lesen. Gelesen habe ich »Mit beiden Händen den Himmel stützen« innerhalb eines Tages.
# Für wen ist das was?
Wer »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« über das Schicksal von Christiane F. (immerhin 95 Wochen auf der Spiegel Bestsellerliste Sachbuch) mit voyeuristischem Abscheu und entsetzter Faszination gelesen hat, wird sich in »Mit beiden Händen den Himmel stützen« schnell zurechtfinden.
Claudia Stieglmayr
»Mit beiden Händen den Himmel stützen« von Lilli Tollkien
Hardcover, Aufbau
255 Seiten
14. März 2026, 24 Euro
978-3-351-04284-4
