»Nelka« Svenja Leiber
# Das Zitat
»Nelka hat den Koffer noch nicht verstaut, den eigenen Mantel noch nicht ausgezogen, sitzt einfach da, als mit dem Anrollen des Zuges die Angst sie anfällt, in ihren Brustkorb greift, dass es ihr den Atem verschlägt und sie glaubt, nicht mehr klar sehen zu können. Ihr ist, als fahre sie in diese Angst hinein, wie man in eine Nebelbank fährt.«
# Der Inhalt
Nach 50 Jahren kehrt Nelka aus der Ukraine an den finstersten Ort ihres Lebens zurück, um sich ihrer Angst, die sie seit einem halben Jahrhundert in sich trägt, zu stellen, um die Depressionen womöglich zu überwinden. Die Angst trägt das Gesicht ihres einstigen Peinigers, des norddeutschen Gutsverwalters Marten Wilhelmsen.
Nelka wird als Sechzehnjährige im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen aus Lemberg, dem heutigen Lwiw, entführt, brutal verschleppt, um mehr als tausend Kilometer weiter westlich irgendwo in Norddeutschland versklavt zu werden. Zusammen mit Margaryta, der jungen Uhrmacherin, und Schura, der Burschikosen, landet sie auf einem großen Gut in Norddeutschland, wo der Verwalter ein Auge auf die besondere junge Frau wirft. Weil Nelka durch ihren Vater große Kenntnis vom Apfelanbau hat und sich auch sonst gescheit und nützlich verhält, darf sie schließlich etwas privilegierter im Gutshaus wohnen. Während es zunächst hieß, der Arbeitseinsatz würde nur wenige Monate dauern, zieht er sich über Jahre hin, die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat schwindet, Margaryta verstirbt nach der Geburt ihres durch Gewalt gezeugten Kindes, Schura wird nach einem Vorfall ins Nachbardorf abgeschoben.
Zunächst wagt er nicht, sich ihr zu unsittlich zu nähern, aber als 1945 die Rassegesetze der Nazis keine Rolle mehr spielen und die Alliierten vor der Tür stehen, nimmt Wilhelmsen sich, was er begehrt, und überlässt Nelka anschließend skrupellos den einfallenden Soldaten. Mit Hilfe von Iwan, der unerschütterlich an ihrer Seite steht, gelingt es Nelka schließlich, durch die zerstörten Landschaften nach Hause in die Ukraine zu gelangen. Das Kind, das sie durch die Vergewaltigungen empfangen hat, kommt gesund zu Welt und ähnelt zum Glück nicht Marten Wilhelmsen. Aber als ihre Tochter ebenfalls ein Kind gebiert, muss Nelka den Tatsachen ins Auge sehen und tritt die schwerste Reise ihres Lebens an, als ihre Enkelin 19 ist und Wut und Trauer Nelkas Seele zu sprengen drohen.
# Die Form
An allererster Stelle ist hier die unglaubliche Verknüpfung von Poesie und Nüchternheit zu benennen, derer Svenja Leiber fähig ist. Durch die makellose Schönheit ihrer Sprache, die Leichtigkeit ihrer Poesie, erscheinen die unfassbaren Verbrechen, die im 1000jährigen Reich begangen worden sind, noch um ein Vielfaches grausamer, falls das überhaupt möglich ist. Verfasst ist »Nelka« im Präsens, in der dritten Person durch die auktoriale Erzählerin Svenja Leiber.
Die erzählte Zeit umspannt fast ein ganzes Menschenleben, wir erleben die Lebensgeschichte von Nelka, geboren um 1925 im ukrainischen Lemberg von einer russischen Mutter und einem deutschen Vater, bis hin zu ihrer Rückkehr in den 1990ern an den Ort der Verbrechen, als Nelka in ihren 70ern ist.
# Mein Fazit
»Nelka« ist zu Recht im August 2026 auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis gehoben worden. Ich habe den Roman innerhalb von zwei Tagen gelesen, manche Passagen mehr als zweimal, weil sie sprachlich so schön sind. Ich habe die Greuel mit in die Nacht genommen und bin am Morgen aus schlimmen Träumen erwacht.
Svenja Leiber schafft es, im Verlauf der Erzählung, die so oder so ähnlich tausendfach geschehen sein muss, die Frage nach dem Warum immer lauter werden zu lassen. WARUM tut Nelka sich das an? WARUM reist sie in ihre Vergangenheit, die so sehr von Angst und Schrecken geprägt war? Die Antwort ist fast schlicht: Sie hatte die Hoffnung, dass die Dämonen der Vergangenheit verschwinden, wenn sie sich ihnen stellt.
# Für wen ist das was?
Wer Sprache liebt und geschichtlich interessiert ist, wird »Nelka« inhaltlich schwer verdaulich, aber sprachlich vorzüglich finden. Dieser Roman fällt in die Kategorie »anspruchsvolle Literatur« und ist keinesfalls schnell durchgelesen, obwohl die Seitenzahl dies vermuten lässt. Ich persönlich bin restlos begeistert und zutiefst beeindruckt.
Claudia Stieglmayr
»Nelka« von Svenja Leiber
Fester Einband mit Schutzumschlag, Suhrkamp Verlag
204 Seiten
18. Februar 2026, 24 Euro
978-3-518-43276-1
»Nelka« von Svenja Leiber wurde mir freundlicherweise vom Suhrkamp Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos als E-Book zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.
