»Sunset Flip« Joey Goebel
# Das Zitat
»Dass sie sich die ganze Zeit nur scheinbar gegenseitig verletzen und in Wirklichkeit alles in ihrer Macht Stehende täten, um einander nicht wehzutun, sei doch eine wunderbare Sache, oder etwa nicht?«
# Der Inhalt
»Sunset Flip« – was für den ahnungslosen Nordeuropäer zunächst wie ein Cocktail klingt, ist tatsächlich eine Wurf-Figur beim Wrestling. Auggie Schnuck und seine Frau Nadine streben eigentlich eine Schauspielkarriere an, landen aber in den Fängen dieser Sportart, in der es eben auch um Schauspiel geht. Auggies Hoffnung ist es, am Ende durch einen Titel und die erlangte Bekanntheit seine eigentliche Leidenschaft zum Beruf zu machen, mit seiner großen Liebe eine Familie zu gründen und ein sorgloses Leben zu leben – den klassischen »american dream«.
Doch es soll alles ganz anders kommen: Während Auggie sich in unterschiedlichen Rollen als Wrestler einen Namen macht, verschmelzen peu à peu die Persönlichkeit seines Wrestler-Ichs und seines Auggie-Ichs auf pathologische Weise miteinander, bis er auch im echten Leben zunehmend zur Gefahr für seine Frau Nadine wird. Die Diagnose Schizophrenie fällt nicht, aber dennoch landet Auggie am Ende in einer psychiatrischen Anstalt, die Ehe wird geschieden, Nadine verfällt in Depressionen und seine neugeborene Tochter hat Auggie bis zum Ende des Romans nicht gesehen.
# Die Form
Erzählt wird die Geschichte von Mr. und Mrs. Schnuck rückwärts, erst am Ende ergibt alles einen Sinn. Auch der Einsatz der Show-Prügelei ist wichtig: Nur mit dem für Nordeuropäer unsinnig anmutenden Fake-Kampfsport, der aus brutal wirkenden Choreografien und Fantasie-Biografien besteht, wird die am Ende sich immer mehr als Schizophrenie herausstellende Erkrankung Auggies plausibel. Ein grandios komponierter Roman von Joey Goebel, der uns mitnimmt in die schillernde Welt des Wrestlings.
Ein spannender Kunstgriff: Manche Kapitel lesen sich wie ein Drehbuch. Dialoge werden begleitet von Regieanweisungen. In einem Zoom-Meeting, an dem ich teilgenommen habe, sagte Goebel, er hätte »Sunset Flip« gern als Netflix-Serie gesehen, aus dem Projekt sei aber leider nichts geworden.
# Mein Fazit
»Sunset Flip« ist absolut kein Roman zum Wegnaschen, so viel sei schon mal gesagt. Ich hatte das Gefühl, dass er sich im Verlauf seines Fortschreitens langsam entfaltet – wie die gefüllte Blüte einer Rose. Die letzten dreißig, vierzig Seiten habe ich verschlungen, während ich mich durch die ersten Kapitel kämpfen musste. Wrestling ist mir einfach (genau wie Boxen) zutiefst zuwider. Was mir persönlich den verträumten Wannabe-Schauspieler Auggie aber äußerst sympathisch machte, ist seine Vorliebe für Billy Joel, aber das nur am Rande bemerkt.
Für wen ist »Sunset Flip« etwas? Auf jeden Fall für Menschen, die sich für die Hintergründe des Wrestlings interessieren. Aber auch für jene, die den Prozess verfolgen mögen, wie es sein kann, dass man sich so sehr mit einer Rolle identifiziert, dass man mit ihr eins wird. »Sunset Flip« ist keine Strand- und Urlaubslektüre, eher etwas für einen Long-Distance-Flug.
Kleine unqualifizierte Bemerkung: Jedenfalls ist dieser Roman ungeeignet für Cocktail-Fans.
Claudia Stieglmayr
»Sunset Flip« von Joey Goebel
Hardcover Leinen, Diogenes Verlag
384 Seiten
20. Mai 2026, 26 Euro
978-3-257-07374-4
Außerdem habe ich von Joey Goebel gelesen, geliebt und auf diesem Blog besprochen: »Irgendwann wird es gut«.
»Sunset Flip« von Joey Goebel wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.
