»Wirf einen Schatten« Elena Fischer
# Das Zitat
»Joseph fragte sich, ob sie recht hatte. War es seine Entscheidung? War man nicht einfach, wer man war? An manchen Tagen besser, an anderen schlechter? War es nicht ein Irrtum, vermessen sogar, zu glauben, man könne der sein, der man sein wollte?«
# Der Inhalt
Josef weiß nichts mehr mit sich und seinem Leben anzufangen, seit ihn seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn Samuel verlassen hat. Er will an Weihnachten gerade seinem Trübsal ein blutiges Ende bereiten, als kurz vor dem Ziehen des Flintenabzugs die Türklingel ertönt. Vor der Tür steht die Pfarrerstochter Birdie, die nach einer illegalen Abtreibung von zu Hause geflohen ist.
Birdie springt mit großem Lebenswillen dem Tod von der Schippe. Dazu trägt auch Josephs Schwägerin Ada bei, die Birdie eine Ausbildung verschafft. Ada ist eigentlich Josephs große Liebe, er hat sie dereinst auf einem Volksfest kennengelernt, sie aber dann aus Gründen doch nie angerufen. Er sieht sie erst wieder, als seine künftige schwangere Frau Lis ihm ihre Familie vorstellt. Sehr viele Jahre sind Joseph und Ada auf eine innige platonische Freundschaft zurückgeworfen, bis zu Josephs Geburtstag im Februar 1964 eine gemeinsame Zukunft doch in den Bereich des Möglichen rückt, und auch mit Lis wird Frieden geschlossen.
# Die Form
Während der eine Erzählstrang am Heiligen Abend 1963 beginnt und bis zum 8. Februar 1964 verfolgt wird, beginnt gleich im zweiten Kapitel eine Rückwärtserzählung im August 1963 und endet im Mai 1957. Großartig verschlungen miteinander ergeben beide Handlungsstränge gemeinsam das schlüssige große Ganze, am Ende des Romans angekommen, ist das Bild rund und alles ergibt einen Sinn.
Mit schöner, schlichter Sprache erzählt Elena Fischer zugleich sehr einfühlsam und empathisch Josephs Lebensgeschichte. Man spürt in jeder Zeile die Erdverbundenheit dieses zutiefst anständigen Mannes, der seinen Schicksalsschlägen, die sukzessive enthüllt werden, ein Leben lang stoisch trotzt.
Elena Fischer entwickelt rückwärtsgewandt die komplexe Figur ihres Protagonisten, je weiter der Roman voranschreitet, desto mehr erkennt man durch die Rückblenden, wie zwangsläufig und folgerichtig Joseph mal durch falsche, mal durch fehlende Entscheidungen und krasse Schicksalsschläge zu seinem aktuellen Ich geformt wurde.
# Mein Fazit
Schon wieder ein umwerfender Roman aus der Feder von Elena Fischer! Nach ihrem Erfolgs-Debüt »Paradise Garden« gelingt der jungen Autorin wieder ein großer Wurf, will ich meinen. Sie nimmt sich dieses Mal eines ganz anderen Themas an, nämlich Heimatliebe und Männlichkeit im besten Sinne der Wörter. Ich fühlte mich förmlich hineingezogen in die diametral entgegengesetzt laufenden Handlungsstränge, wollte mehr wissen, über diesen eigenbrötlerischen Joseph und wie seine Vergangenheit ihn geformt hat. Ich liebe diese einzigartige Sprache, derer sich Elena Fischer bedient, so empathisch und ehrlich. Uneingeschränkte Leseempfehlung von mir. Ich bin gespannt auf das nächste Buch.
# Für wen ist das was?
Wer die leisen Filme mag, wer »Nach Mattias« von Peter Zantingh mochte, der wird auch die Lektüre von »Wirf einen Schatten« genießen.
Claudia Stieglmayr
»Wirf einen Schatte« von Elena Fischer
Hardcover Leinen, Diogenes Verlag
304 Seiten
22. Juli 2026, 25 Euro
978-3-257-07390-4
Außerdem habe ich von Elena Fischer gelesen, geliebt und auf diesem Blog besprochen: »Paradise Garden«.
»Wirf einen Schatten« von Elena Fischer wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag als E-Book zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.
