»Wachs« Christine Wunnicke
# Das Zitat
»Wenn sie auf dem Land Familie besuche, sei stets eine Leiche in der Kutsche dabei, und sie nehme sie mit in ihr Zimmer und übe des Nachts an ihr. ›Wie seltsam‹, sagte Marie. Madeleine nickte. Sie schauten sich an. Nichts fiel ihnen hierzu ein.«
# Der Inhalt
Frankreich im 18. Jahrhundert. Wie fast überall in Europa ist es für Frauen ist es praktisch unmöglich, unter ihrem wirklichen Namen im von Männern betriebenen naturwissenschaftlichen Diskurs Forschung zu betreiben und Ergebnisse zu publizieren. Nur mit absolut eisernem Willen gelingt das Husarenstück einer Frau. Eine von ihnen ist Marie Biheron (1719 – 1795).
Apothekerstochter Marie Biheron weiß bereits als Zwölfjährige ganz genau, was sie will, wofür sie brennt: Sie plant, die beste Anatomin von Paris zu werden. Voller Mut und unerschrocken verfolgt sie ihren Plan, bis sie ihn nach zwölf Jahren vollendet hat. Doch dann stellt sie fest: »Kein Beruf war ihr daraus erwachsen«! Nun nimmt sie das eben erreichte Ziel wiederum zum neuen Startpunkt, sodass Marie schließlich (und fast ausschließlich!) Frauen in Anatomie unterrichtet, denen damals kaum ein Zugang zu Bildung und Wissenschaft möglich war. Überdies und wieder voller Enthusiasmus entwickelt sie eine Technik, den menschlichen Körper und dessen Teile in Wachs abzubilden. Woher sollen schließlich all die Leichen kommen, die sie sonst sezieren müsste, vor allem konnte die Arbeit mangels Kühlung natürlich nur im Winter vonstatten gehen.
Die zweite historisch verbriefte Dame in »Wachs« ist Madeleine Basseporte (1701 – 1780), Malerin mit Schwerpunkt Botanik, in die sich die junge Marie als Madeleines Zeichenschülerin unsterblich und unendlich verliebt. Heimlich »verheiratet«, bleiben sie bis zu Madeleines Tod ein Liebespaar.
Die großen Namen jener Zeit aus Wissenschaft und Politik bleiben Nebenfiguren und bilden den historischen Rahmen, kommen aber durchaus zu Wort. Wer wissen möchte, wer etwa Carl von Linné, George-Louis Leclerc de Buffon, Denis Diderot, Antoine Laurent de Lavoisier und Madame Pompadur waren, der mag sich nach Gusto informieren (Linné und Buffon waren mir gut bekannt, die Pompadur natürlich auch). Jedoch auch ohne diese Kenntnisse ist »Wachs« gut zu genießen, wenngleich in dem Fall etwas Flair der Zeit abhanden kommt.
# Die Form
Die erzählte Zeit umfasst die Jahre 1733 bis 1791, der ins Historische »brossierte« Roman spielt fast ausschließlich in Paris in jener Zeit. Auch der Inhalt ist schnell erzählt, jedoch lebt der Roman von allerlei Nebenthemen und -motiven; dicht gewoben und meisterlich erzählt.
Christine Wunnicke schafft es scheinbar mühelos und stilistisch wirklich grandios, Dinge offenbar zu machen, ohne mit dem Finger darauf zu zeigen, und webt auf diese Weise eine großartige, zarte, zeitlose und durchaus moderne Liebesgeschichte.
# Mein Fazit
Liberté, Egalité, Soeurité! Die heimliche Revolution in Wissenschaft und Politik wird beschrieben, Schwesterlichkeit, Frauennetzwerk… Der Grundstein der Emanzipation ist Wissen. Damen wie Marie und Madeleine haben wir es zu verdanken, dass wir weiblichen Menschen heute fast gleichberechtigt sind! Bezogen auf die Geschichte der Menschheit sind knapp 300 Jahre praktisch nichts.
»Wachs« ist also seit langem mal wieder ein historischer Roman, bei dem mir vor Begeisterung die Luft wegblieb, ich alles um mich herum vergaß und ihn innerhalb von zwei Tagen verschlungen habe. Mir gefiel einfach alles: der historische Kontext, der mich wegen mangelnder Kenntnisse zu eigener Nachrecherche brachte, die feministische Idee, die Christine Wunnicke herausgepickt und als Leitmotiv verarbeitet hat, und auch die zarte Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen.
Wenn man wie ich in jüngerer Zeit nur Bücher mit moderner Sprache gelesen hat, wird man zunächst im Lesetempo ein klein wenig ausgebremst, denn Christine Wunnicke bedient sich eines Sprachduktus‘, der nicht alles vorkaut: Selbst zu denken ist gefragt.
Das einzige, was mich stört, ist der Klappentext, der wird »Wachs« meiner Meinung nach überhaupt nicht gerecht. Zu Recht war »Wachs« 2025 auf der Shortlist des Deutschen Buchhandels.
# Für wen ist das was?
»Wachs« ist auf jeden Fall etwas für geschichtsinteressierte Philologen, womöglich auch etwas für sprachbegeisterte Naturwissenschaftler, die historischen Kontext zu schätzen wissen. Ich kann mir vorstellen, dass jemand, der Patrick Süßkinds »Parfum« liebte, auch »Wachs« fabelhaft finden wird.
Claudia Stieglmayr
»Wachs« von Christine Wunnicke
Taschenbuch, Diogenes Verlag
224 Seiten
22. Juli 2026, 15 Euro
978-3-257-24854-8
»Wachs« von Christine Wunnicke wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.
