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»Alt genug« Ildikó von Kürthy – »Wie kann sie nur« Sophie Passmann – »Ein Wiedersehen mit mir selbst« Melanie Pignitter

# Der Anlass: »Druckfrisch« (ZDF) vom 29. März 2026

Im Frühling 2026 war es, als sich das weibliche Internet als vielstimmige Furie auf den Literaturkritiker Denis Scheck nach seiner Sendung »Druckfrisch« am 29. März gestürzt und ihn als sexistisch tituliert hat.

Denis Scheck war mir viele Jahre lang ein zuverlässiger Wegweiser in Sachen Literatur, bislang fand jedes seiner Urteile meine Zustimmung.

In diesem Fall wollte ich gern mitreden und habe für euch alle drei von Scheck verrissenen Bücher aus der Spiegel Bestseller-Liste »Sachbuch« gelesen.

# Platz 1: »Alt genug« von Ildikó von Kürthy

Seit ihrem Debüt »Mondscheintarif« 1999 kenne und mag ich Ildikó von Kürthys Romane. Überdies sind wir fast gleich alt, haben Kinder im gleichen Alter und wohnen in Deutschlands Norden. Was uns außerdem eint, ist die Zugehörigkeit zum intellektuellen Mittelstand. Ildikó von Kürthys Schreibe spricht jeden intellektuellen Stand an. Das ist es, was ein kommerziell erfolgreiches Buch ausmacht. Und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden – und schon gar kein Grund, ein Buch in die Tonne zu werfen. Von Kürthys eigener Anspruch ist aber offenbar ein anderer, ihr gefällt das Prädikat »lustige Frauenliteratur« nicht, was bedauerlich ist, denn banale Unterhaltungskunst hat eben auch ihre Berechtigung, und manchmal möchte man lieber die Leichtigkeit und das Amüsement an den Strand mitnehmen!

Denis Schecks Kritik ist aus meiner Sicht also inhaltlich berechtigt, sicherlich gehässig und bissig formuliert, aber sexistisch nun wirklich nicht. Sich als Autorin über Damenklovergleiche zu beschweren, aber beim Anblick des chinesischen Austauschschülers um das Leben des Familienhundes zu bangen, ist moralisch schon etwas schwieriger und durchaus unwoke, möchte ich meinen…

Ich möchte einmal ein Wort über die sogenannte Ausstattung des Buches verlieren. Ich finde den Titel überaus hässlich, aber das ist ja Geschmacksache. Was hingegen extrem unangenehm auffällt: Dieses Buch stinkt unangenehm in die Lesenden-Nase!

»Alt genug« von Ildikó von Kürthy
Hardcover Leinen, Ullstein
272 Seiten
26. Februar 2026, 22,99 Euro
978-3-550-20412-8

# Platz 2: »Wie kann sie nur« von Sophie Passmann

Im Grunde kann man schon an Schecks ersten Sätzen erkennen, dass er »Wie kann sie nur« gar nicht gelesen haben kann. Und falls doch, hat er den Text nicht verstanden, da er ganz offensichtlich überhaupt keinen blassen Schimmer von der hektisch blinkenden Social-Media-Welt hat und mutmaßlich seit Jahrzehnten in seinem literarischen Elfenbeinturm geistig kleben geblieben ist. Sophie Passmann schreibt kurzweilig, kenntnis- und temporeich über die Insta-Welt, deren Teil sie seit langem ist. Dass ein alter, weißer Mann da nicht mitkommt, ist überhaupt gar kein Wunder.

Hier landete in meinen Augen Schecks Kritik in seiner eigenen Mülltonne. Das Studio mag unendlich weit sein, wie er nicht müde wird zu betonen, aber sein eigener Horizont lässt ihn in die Tiefen von »Wie kann sie nur« gar nicht eintauchen. Dieses Buch ist gut recherchiert, ebenso gut geschrieben und obendrein interessant und kurzweilig, eine überaus intelligente Beobachtung des Zeitgeists. Lesbar am Strand und im Bett.

Die Ausstattung dieses Buches ist okay, die Schriftart gut lesbar, ein Lesezeichenbändchen ist eingearbeitet. Das Papier ist großvolumig. Leider sind unerfreulich viele Fehler (stilistisch und grammatikalisch) enthalten – und ich habe gar nicht aktiv nach ihnen gesucht.

»Wie kann sie nur« von Sophie Passmann
Hardcover Leinen, Kiepenheuer & Witsch
240 Seiten
12. März 2025, 23 Euro
978-3-462-00858-6

# Platz 7: »Wiedersehen mit mir selbst« von Melanie Pignitter

Ich fange mal ebenso bösartig, obschon ehrlich an: Hätte ich während meiner Zeit als Lektorin eines Hamburger Groschenromanverlages dieses Manuskript auf dem Schreibtisch gehabt, hätte ich sofort begeistert zugegriffen und der Autorin einen Vertrag geschickt. Warum? Weil sich die Reise mit der alten Berta, wie der VW-Bus heißt, wirklich nett liest, man kann den Faden auch nach mehreren Tagen Lesepause noch nicht verloren haben, weil es nur einen einzigen dicken gibt. Inhaltlich total flach, linear und trivial eindimensional: die perfekte Urlaubslektüre!

Auch wenn ich also Schecks Kritik uneingeschränkt folgen muss, so ist es doch ein wortwörtlich optisch und haptisch schönes Buch aus dem Verlag Gräfe und Unzer! Ich mag sehr, dass das Format so einzigartig ist, der Satz ist wirklich gut gelungen – und die Zeichnungen zum Kapiteltitel sind wirklich schön und machen Fernweh!

»Wiedersehen mit mir selbst« von Melanie Pignitter
Hardcover Pappband, Gräfe und Unzer
240 Seiten, 20 Illustrationen
02. März 2026, 20 Euro
978-3-7589-0038-9

Claudia Stieglmayr


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