| | | |

»Frankie und Freddie« Sven Regener

# Das Zitat

»›Das ist eine sterbende Stadt. Die bauen da nur Scheiße und die sind auch scheiße, egal, wen du dir anschaust. Ich meine, die eine Hälfte ist da geboren, und die sind voll durch den Wind, die ganzen Alles-frisch-Berliner und Icke-dette-kiekemal-Typen, durch den ganzen Mauerbauscheiß und was weiß ich was sind die total kaputt, neulich hat mir einer erzählt, dass er, bis er sechs war, geglaubt hat, dass es ganz normal ist, dass man kontrolliert wird, wenn man eine Stadt verlässt, und erst als er in die Schule kam, hat er geschnallt, dasss das nicht normal ist, stell dir das mal vor!‹«

# Der Inhalt

Frank Lehmann lebt seit einigen Wochen in West-Berlin und ist auf dem Weg, seinen um fünf Jahre älteren Bruder, Manfred, genannt Freddie, aus einem Hotel abzuholen. Freddie hat dort als Proband an einer Studie zu Antidrepressiva teilgenommen, ebenso dessen Studienkollege »Artsy Fartsy«, der eigentlich Knut heißt. Blöderweise landet Freddies Tasche mitsamt für die anstehende Reise nach New York wichtigen Dokumenten (Reisepass, Flugticket) in Artsy Fartsys Tasche.

Und schon beginnt eine rasante Erzählung, ein Mini-Road-Movie innerhalb der Mauern Berlins, denn mitten im Schneegestöber machen sich Freddie, Frankie und noch ein paar andere auf die Jagd nach Artsy und der Tasche. Währenddessen und drumherum passieren witzige Dinge, verrückte Gedanken explodieren förmlich, und Frank und Chrissy aus der WG verlieben sich irgendwie ineinander. Am Ende machen sich die Gebrüder Lehmann auf den Weg ins heimische Bremen, um Weihnachten bei ihren quengelnden Eltern zu verbringen.

# Die Form

Wer einmal einen Roman von Sven Regener gelesen hat, wird auf Anhieb diesen einzigartigen Schreibstil diesem Autor zuordnen können, das ist schon eine einmalige Leistung, wie ich finde. Sven Regener schreibt wie aus dem Gehirn eines an ADHS leidenden Menschen: tausend Tabs offen, sich in trotz ihrer Länge bestens lesbaren Bandwurmsätzen verlieren, sich wiederum darin das Stichwort für den nächsten Teilsatz ergo Gedanken liefern. Auf diese Weise entwickelt sich zusätzlich zur inhaltlichen eine virtuose sprachliche Komik.

Die Erzählstruktur der äußeren Handlung ist im Gegensatz zur inneren strikt linear und im Präteritum erzählt (warum sagt eigentlich niemand mehr Imperfekt?). Die erzählte Zeit gleicht der Erzählzeit: Berlin um 1980, kurz vor Weihnachten, John Lennon ist gerade ermordet worden.

Was Sven Regener mal wieder außerordentlich gut gelungen ist, sind witzige Dialoge! Aus meiner Zeit als Lektorin ist mir sehr bewusst, wie unfassbar schwierig es ist, gute – und dann auch noch witzige! – Dialoge zu schreiben.

# Mein Fazit

Als 2001 »Herr Lehmann« erschien, war ich hingerissen von der ganz eigenen Erzählsprache des Sven Regener und habe dem zweiten Regener-Roman, »Neue Vahr Süd«, der 2004 erschien, mit Ungeduld entgegengefiebert und begeistert verschlungen. Anschließend habe ich leider aus Gründen (meine Kinder sind 2005 und 2009 geboren… unbezahlte Care-Arbeit, Mental Load und Teilzeitlektorin, sowas halt) die Lehmann-Saga aus den Augen verloren und bin erst jetzt mit »Frankie und Freddie« wieder eingestiegen. Ich wurde nicht enttäuscht und gedenke, die entstandene literarische Lücke (»Der kleine Bruder«, »Magical Mystery«, »Wiener Straße« und »Glitterschnitter«) beizeiten zu schließen.

# Für wen ist das was?

Wer »Herr Lehmann« und »Neue Vahr Süd« gelesen und geliebt hat, wird auch von »Frankie und Freddie« nicht enttäuscht sein. Wer Sprachwitz liebt, eine Dosis gute Laune benötigt und Menschen mag, die ein wenig verrückt und bunt wie das Leben selbst sind, der ist bei »Frankie und Freddie« ganz richtig. Und wer ein bisschen Berliner Flair wenige Jahre vor dem Mauerfall aufschnappen möchte, als es noch eklige Telefonzellen und weder Instagram noch Tiktok oder Handys gab, ist ebenso richtig. Ein Roman, den man, auch ohne seine Vorgänger gelesen zu haben, prima genießen kann.

Claudia Stieglmayr

»Frankie und Freddie« von Sven Regener
Hardcover Leinen, Galiani Berlin / Kiepenheuer&Witsch
288 Seiten
03. September 2026, 24 Euro
978-3-86971-319-9

Außerdem habe ich von Sven Regener gelesen, geliebt und leider nicht auf diesem Blog besprochen: »Herr Lehmann«, »Neue Vahr Süd«.

»Frankie und Freddie« von Sven Regener wurde mir freundlicherweise vom Verlag Kiepenheuer&Witsch zu Rezensionszwecken als E-Book kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.


Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert