»Freunde von früher« Micha Lewinsky
# Das Zitat
»Ohne die Anwesenheit meiner Mitbewohner wurde ich innerhalb weniger Tage zu einem Menschen, vor dem ich mich fürchtete. Ein verachtenswerter Faulpelz, der beim Prokrastinieren merkwürdig zu riechen begann.«
# Der Inhalt
»Freunde von früher« von Micha Lewinsky beschreibt die Geschichte und die Geschichten der ehemaligen Mitglieder einer Zürcher Wohngemeinschaft in den 1990er-Jahren. Den Ich-Erzähler Béla beschreibt am besten ein Zitat aus dem Buch: »Bevor ich der Freund von Kaja war, war ich der Sohn von Frau Tóth aus Adliswil, der Gitarrist von dieser Band, der Kumpel von Lexi (der als einziger aus der Clique nicht mehr lebt), der Dokumentarfilme, der Mitbewohner von Kim.«
Kim, das ist die Magersüchtige, die durchscheinende Schönheit der Gruppe. Simone, die Architekturstudentin (»Die Dritte war eher unscheinbar, sportlich, keine zum Verlieben. Das war Simone.«), ist ausgerechnet jene, die ihre Liebe zu Béla über all die Jahre nicht überwinden konnte. Dann gibt es noch den Vagabunden Lexi, der kein offizieller Bewohner der WG ist, tragisches Opfer seiner Depressionen am Ende. Serdar ist der erste (und letzte) Hausbewohner der Zederstraßen-WG. Seine als junger Mann felsenfest kommunizierten Ansichten wirft er mit dem Erscheinen seiner Frau Esther auf seiner Lebensbühne komplett über den Haufen.
Aufhänger der Re-Union der einstigen Wohngemeinschaft ist die Tatsache, dass das Wohnhaus in bester Zürcher Lage verkauft werden soll. Serdar möchte seine Freunde und deren Kapital mobilisieren, um die Immobilie zu erwerben und den Traum einer Alten-WG in die Tat umzusetzen. Nach vielem Hin und Her wird nix draus, am Scheitern der Pläne ist Béla natürlich maßgeblich beteiligt, da er als einziger überhaupt nichts auf der hohen Kante hat und seine Mutter am Verhandlungstisch wie ein Fremdkörper wirkt.
Offen bleibt, ob Béla am Ende ein guter Vater werden wird. Mit der um zwanzig Jahre jüngeren Kaja zeugt er versehentlich ein Kind, vielleicht seine substanzreichste Tat. Im Grunde ist Béla eine bedauernswerte Kreatur, Opfer der Umstände und des Intellektes, denn er gehört weder zu seinen mittlerweile arrivierten alten Freunden noch zum Freundeskreis von Kaja, deren Mitglieder in den Startlöchern des Lebens stehen.
# Die Form
Ich-Erzähler Béla Tóth beschreibt aus seiner Sicht seine ehemaligen WG-Genossinnen und -Genossen. Die erzählte Zeit umspannt etwa zwanzig Jahre, ein Exkurs in Bélas Kindheit und zu seinem Vater nach Tschechien ist auch dabei.
Sprachlich ab und zu schweizerisch angehaucht, ist »Freunde von früher« flott zu lesen und durchaus in 21 Kapiteln dicht gewoben.
# Eine Frage an den Autor
LesensArt: »Inwieweit fließen autobiografische Elemente in die Person des Béla ein (ob überhaupt)?«
Micha Lewinsky: »An die Welt, die ich erzähle, erinnere ich mich gut. Die Figuren sind aber alle fiktiv, Béla inklusive.«
# Mein Fazit
Die Antwort auf meine Frage hat mich immens beruhigt, denn mittendrin hätte ich dem Béla schon gern gepflegt die Fresse poliert, wenn ich das mal so schreiben darf. Nach einem knappen Drittel war ich so sauer auf diesen verantwortungsresistenten Nichtsnutz, dass ich beinahe zu lesen aufgehört hätte. Da denkt der Mittfünfziger über seine um zwei Dekaden jüngere Freundin nämlich: »(…), vielleicht haben wir uns verrechnet, wir gaben dem Schicksal eine Chance, und jetzt fühle ich mich über den Tisch gezogen. Ich weiß natürlich, dass sie das nicht mit Absicht getan hat. Sie will mir kein Kind unterjubeln. Aber sie hätte mich warnen müssen.« Vermutlich sind das Y-Chromosom-immanente Nuhrwitze – ich muss aufhören, mich aufzuregen, meine Uhr zeigt gerade eine abnormale Herzfrequenz an.
Was also mit dem 30jährigen Dauerstudenten Bastian in den 1970ern noch so charmant ums Eck kommt, ist für einen 50jährigen Oberlosen in den 2020ern absolut cringe.
Nun aber, da ich weiß, dass Micha Lewinsky den salzigen Finger rein beschreibend in die Wunde des Systems »Freundeskreis« legt, bin ich versöhnt. Lewinsky hat genau das erreichen wollen. So wie es in jeder Schulklasse den Clown gibt, finden wir in jedem Freundeskreis einen, der sein Leben lang zwar große Pläne und Flausen im Kopf hat, aber am Ende nichts davon realisieren kann.
Micha Lewinsky hat es geschafft, eine für mich ganz neue Emotion beim Romanlesen zu entdecken: die Wut! Wie toll!
# Für wen ist das was?
Wer so ein Fossil ist wie ich und sich noch an »Der Bastian« von Barbara Noack, verfilmt mit dem ewigen Jungen Horst Janson (den ich in den 90ern mal für »Das Neue Blatt« interviewt habe, aber das ist eine andere Geschichte) erinnert, und den charmanten Taugenichts und Dauerstudenten ins Herz geschlossen hat, für den ist »Freunde von früher« auf jeden Fall etwas.
Claudia Stieglmayr
»Freunde von früher« von Micha Lewinsky
Hardcover Leinen, Diogenes Verlag
272 Seiten
19. August 2026, 25 Euro
978-3-257-07410-9
»Freunde von früher« von Micha Lewinsky wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag als E-Book zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.
