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»Alles Liebe« Ronja von Rönne

# Das Zitat

»Schon in der siebten Klasse war mir klar, dass man ohne Drama niemand war, dass Aufmerksamkeit eine Währung ist, die man sich verdienen muss. Und jetzt hatte ich das perfekte Drama – eine todkranke beste Freundin.«

# Der Inhalt

Lauras Freundin Miriam ist an Leukämie erkrankt und lange in der Klinik. Laura nimmt die Rolle der vermittelnden Erzählerin ein zwischen Schulkamerad:innen und Miriam. Dabei erfindet sie diverse Geschichten, um den Entertainmentfaktor zu erhöhen. Der Gipfel der Erfindungen ist eine im World Trade Center verstorbene Tante. Als das herauskommt, sind alle böse auf sie, sie muss die Schule verlassen, was sie allerdings fürs Leben lernt, ist, dass sich Lügen besser verkaufen.

Als Barbara erst vom Mann verlassen wird und dann ihre Tochter beerdigen muss, flüchtet sie sich in eine Welt, in der sie schon als Kind Trost gefunden hat: Sie erfindet einen Menschen und verliert völlig und irreversibel den Bezug zur Realität.

Heike wird von der Mutter der Glaubenssatz eingetrichtert, dass sie nicht gut genug ist (nicht die Einsen in der Schule zählen, sondern die einzige Drei, die sie in Sport hat, wird kritisiert) und froh sein muss, überhaupt einen Mann zu bekommen. Sie bekommt einen – samt seiner grässlichen Mutti.

Fedor kann einfach nicht verstehen, dass seine in seinen Augen talentlose und unenthusiastische Freundin Christina nach Abschluss ihres gemeinsam absolvierten Kunststudiums eine auch wirtschaftlich grandiose Karriere hinlegt, während er außer einem Baby rein gar nichts zustandebringt.

Mattis, der an aufrichtigen Journalismus und die Macht des Wortes glaubt, trifft in der Zeitungsredaktion auf Laura, die Lügnerin, die auch hier von ihrer skrupellosen Fantasie profitiert. Nachdem er ein fast vollständiges Dossier über ihre Hochstapeleien angelegt hat, bricht sich seine Wut und Eifersucht auf sie während einer Weihnachtsfeier in ekelhafter Weise Bahn.

# Die Form

Laura wird aus der Ich-Perspektive geschildert, was ein kluger Schachzug ist, denn sie wird uns am Ende des Buches erneut begegnen. Alle anderen Charaktere, denen ein Kapitel – es sind insgesamt fünf – gewidmet ist, erzählt der auktoriale, der allwissende Erzähler. Die Kapitel sind alle in etwa gleich lang, aber sowohl inhaltlich als auch sprachlich völlig unterschiedlich.

Wenn man nach der Lektüre der ersten beiden Kapitel erwartet, dass jeweils eine Hauptfigur als Nebencharakter im Folgekapitel erscheint, wird man mit Heike in Abschnitt drei ausgebremst. Im letzten Kapitel hat man zwar kleine »Aha«-Momente, beginnt dann aber das Grübeln, was wohl der Fedor nun für eine Verknüpfung zu alledem hat. Entweder war man sehr aufmerksam beim Lesen oder man blättert – so wie ich – noch einmal zurück, um den entscheidenden Absatz zu finden. Der wiederum wie ein Fremdkörper in der Geschichte um Christina und Fedor wirkt und den Verdacht nahelegt, nachträglich eingebaut worden zu sein.

Interessant ist auch, dass Kapitel eins, zwei und drei etwa in den 1990ern spielen, während die finalen beiden Abschnitte in der Jetztzeit angelegt sind.

Das letzte Kapitel, »Mattis«, bildet die große geschweifte Klammer (um mich mal eines Bildes aus der Mathematik zu bedienen), die also diesen Episodenroman mit der Fortführung von Lauras Historie aus Kapitel eins beschließt.

Ronja von Rönne bietet uns also einen spannenden Aufbau, und auch ihre Sprache ist ein Genuss, trägt nicht auf und lenkt nicht vom Inhalt ab.

# Mein Fazit

Ich fand es ziemlich schwierig, ein geeignetes Zitat auszuwählen, welches die Komplexität dieses Episodenromans erfasst, so dicht gewoben sind die einzelnen Kapitel. Allesamt sehr besonders, spannende literarische Herangehensweise an das Thema Liebe allemal. Ronja von Rönne beleuchtet in »Alles Liebe« sämtliche Facetten ebendieser.

So wird Lauras Fantasie Opfer der freundschaftlichen Liebe, Barbara erfindet einen Lebenspartner aus dem Katalog, Heike heiratet aus purer Genügsamkeit einen Ödipus-Trottel, Fedor erfährt, wie sich die Liebe zu einem Kind anfühlt und Mattis‘ Liebe zum Journalismus endet mit gewaltsam erzwungener Liebe. Um seine eigene Haut zu retten, verrät er schlussendlich seine eigenen Ideale.

»Alles Liebe« von Ronja von Rönne ist ein absolut lesenswertes Werk! Es hat mir große Freude bereitet, mich für diese Buchbesprechung eingehender damit auseinanderzusetzen. Klasse!

# Für wen ist das was?

»Alles Liebe« empfehle ich allen Lesenden, die »Irgendwann wird es gut« von Joey Goebel oder »Die Wahrheit über das Lügen« von Benedict Wells geliebt haben. Ronja von Rönnes Buch reiht sich ein in meine kleine Liste gelungener Episodenromane, in denen die einzelnen Geschichten filigran miteinander versponnen sind.

Claudia Stieglmayr

»Alles Liebe« von Ronja von Rönne
Hardcover dtv
240 Seiten
02. Juli 2026, 23 Euro
978-3-423-28530-8

»Alles Liebe« von Ronja von Rönne
E-Book, dtv
240 Seiten
02. Juli 2026, 16,99 Euro 
978-3-423-44949-6

»Alles Liebe« von Ronja von Rönne wurde mir freundlicherweise vom dtv zu Rezensionszwecken als E-Book kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.


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