»Orca« Franziska Gänsler
# Das Zitat
»In diesen wenigen Tagen, in diesem andauernden Beben meines Telefons, da dachte ich, ich könnte beides haben, zumindest für den Moment, mit dieser verdrehten Ehrlichkeit. Die Nähe zu Lilian und ihrem Leben, die Aufmerksamkeit von Ariel und Olympia, die mir dieser Umstand einbrachte.«
# Der Inhalt
Cora ist ein junges Mädchen aus bildungsnahem Hause, sie hat ein Stipendium für ein Privatgymnasium, auf das sonst nur Superreiche gehen können. Es ist die Corona-Zeit. Während des Lockdowns recherchiert sich Cora zur Expertin für Imitationen von Luxusmarken, stählt ihren Körper mit Workouts im Kinderzimmer und begegnet ihrer Sandkastenfreundin Olympia zufällig vor einem Supermarkt.
Olympia jobbt als Housekeeperin in der Villa des Elson, einem älteren Klimaaktivisten, der alsbald zurückkehrt und junge Klimakämpfer um sich schart. Cora gerät in einen Strudel der Zerrissenheit zwischen den Aktivisten mit ihrer besten Freundin Olympia, die sich mehr und mehr der jungen Ex-Jurastudentin Ariel zuwendet, einerseits, und der geldsorglosen High Society mit Lilian und deren Mutter, Eleonore Brecht, andererseits.
Letztendlich siegt die Zuneigung zu Olympia und die Eifersucht auf Ariel. Cora nutzt ihre Kontakte zur Familie Brecht und ihre Informationen über das Überwachungssystem des Anwesens aus. Sie schleust Ariel und Olympia ins Haus der Brechts, damit sie während eines Dinners mit Investoren für LNG-Terminals ein Zeichen setzen können, was später in der Presse als terroristischer Akt bezeichnet werden wird.
Während Ariel den Anschlag nicht überlebt und Olympia verhaftet wird, kommt Cora scheinbar ungeschoren davon. Ihren Schulplatz verliert sie allerdings, ihre hochfliegenden Pläne von einst landen hinter der Fleischtheke eines Supermarktes.
# Die Form
Der Titel »Orca« ist einerseits ein Anagramm von Cora, andererseits handelt es sich um die Anfangsbuchstaben von Olympia, Rena (Olympias kleine Schwester), Cora und Ariel. ORCA stechen sie sich als Tattoo zwischen Daumen und Zeigefinger als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit.
Die erzählte Zeit spannt sich vom Corona-Lockdown in 2021 bis in etwa 2025, die Erzählperspektive ist die der Cora Melchior als Ich-Erzählerin.
Es wechseln sich 7 Kapitel aus der Jetztzeit mit dem immergleichen Supermarkt-Berieselungs-Titel »Walking on Sunshine« mit sechs Kapiteln ab, die mit Namen der Protagonisten überschrieben sind. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es sieben verwurstete Kapitel sind, denn »A Message to keep going, to embrace spititual growth«, ist es, was die Sieben bedeutet. Die Namens-Kapitel sind im Präteritum verfasst, während die Supermarkt-Artikel im Präsens gehalten sind. Auch die Namen Olympia und Ariel wird Franziska Gänsler mit Sicherheit nicht zufällig ausgewählt haben.
Wahrlich bemerkenswert ist der gigantische Spannungsbogen, der die gesamte Lesezeit über aufrechterhalten wird. Franziska Gänsler überlässt nichts dem Zufall, jedes Wort sitzt, jede Andeutung ist schlüssig; folgerichtig auch die Katastrophe am Ende, bei der es keine Gewinner gibt, so wie niemand von uns aus der Klimakrise einen Nutzen ziehen wird, sobald die Krise zur Katastrophe wird.
# Mein Fazit
HAMMER! Was für ein unglaublicher Roman! Franziska Gänsler schafft es mit »Orca«, das immergleiche, zugleich immer aktuelle Thema der Initiation mit dem wortwörtlich brennendsten Thema unserer Zeit, dem Klimawandel, zu verquicken. Die Generation Z, die Klima-Aktivisten einerseits und dann die Superreichen andererseits, die in ihren videoüberwachten Villen und Luxus drauf scheißen (Entschuldigung). Und mittendrin ein Mädchen, dass sich entscheiden muss zwischen Freundschaft, Loyalität und eigener Zukunft.
# Für wen ist das was?
Tatsächlich ist »Orca« etwas für Krimifreund:innen, obwohl es kein Krimi ist. Es ist auch etwas für Fans von Luisa Neubauer, obwohl »Orca« nicht explizit den mahnenden Zeigefinger in Klimadingen erhebt. »Orca« sollte auf dem Stundenplan aller Oberstufenschüler und im Lehrplan aller Gymnasien stehen.
Claudia Stieglmayr
»Orca« von Franziska Gänsler
Hardcover Leinen, Diogenes Verlag
368 Seiten
17. August 2026, 25 Euro
978-3-0369-5099-0
»ORCA« von Franziska Gänsler wurde mir freundlicherweise vom Verlag Kein & Aber zu Rezensionszwecken als E-Book kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.
