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»Winterschlaf« Mario Petuzzi

# Das Zitat

»Wir tun es der Mutter gleich, die im Frühling nicht dieselbe ist wie im Sommer oder Herbst und erst im Winter ganz verschwindet. Einer zählt bis tausend und weckt die Andere, damit die wieder bei null anfangen kann. So kommen wir durch die Nacht wie die Mutter über das Jahr.«

# Der Inhalt

Sobald die namenlose Mutter aus dem Winterschlaf erwacht und durch die Fürsorge des Apo und ihrer Zwillinge zu Kräften gekommen ist, strömen Besucher auf den Berg, um eine seherische Audienz zu erhalten. Ihr Wissen speist die Mutter aus den Träumen, die sie den Winter über gehabt hat. Seltsame Gestalten erbitten ihren Rat, esoterische Wissenschaftler sind darunter und auch eine sommerliche Affäre, der Deutsche, ist unter den Gästen.

Nach dem Tod des Großvaters kurz vor dem Winter schließt die Mutter die namenlosen Zwillinge in ihre Arme und nimmt sie mit in ihren Winterschlaf, aus dem sie niemand wecken wird.

# Die Form

Sämtliche Personen sind namenlos geblieben. Der Roman ist im Präsens verfasst. Die Erzählte Zeit umspannt ein ganzes Jahr. Die Sprache ist wunderschön schlicht und schlicht wunderschön. Die Kapitel heißen »Winterschlaf«, »Winterstarre« und »Winterruhe«. Beim Lesen kam mir immer wieder Edgar Allen Poes »The Tell-Tale-Heart« – »Das verräterische Herz« in den Sinn, was eine ähnlich düstere Grundfarbe hat.

Das Brillante an »Winterschlaf« sind die unglaublich kreativen, sprachlich fantastisch konstruierten Formulierungen, die uns im Text so scheinbar leichtfedrig präsentiert werden. Einmalig.

# Mein Fazit

»Winterschlaf« ist ein verstörendes, faszinierendes und völlig neuartiges Werk, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte, wenn man einmal begonnen hat, es zu lesen. Alles erscheint real, nur die Figur der Mutter nicht, die ein amorphes Medium zu sein scheint, das Winterschlaf im Keller hält. Ist sie die Mutter Erde? Die Mutter Natur? Ich habe es bis zum Schluss nicht verstanden, wobei das aber auch nicht wichtig scheint.

Der Inhalt von »Winterschlaf« ist nur scheinbar schnell zusammengefasst, denn das Wesentliche, das Urwüchsige und Unheimliche steckt zwischen den Zeilen, in der Namenlosigkeit der Charaktere.

# Für wen ist das was?

Auf jeden Fall ist »Winterschlaf« etwas für Lesende, die sprachliche Neuschöpfungen zu schätzen wissen. Auch wenn der Roman im Hochsommer erschienen ist, würde ich es bevorzugen, ihn eingemummelt mit einer Kanne Tee vor dem Kamin zu lesen.

Claudia Stieglmayr

»Winterschlaf« von Mario Petuzzi
Hardcover Leinen, Diogenes Verlag
240 Seiten
19. August 2026, 25 Euro
978-3-257-07394-2

»Winterschlaf« von Mario Petuzzi wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag als E-Book zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.


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