»Geteiltes Haus« Alice Horáčková
# Das Zitat
»Vinzenz sah sich in jede Richtung um, und eine wilde Wut überkam ihn. Er war wütend auf Masaryk, der ihnen das alles eingebrockt hatte, wütend auf seinen Bruder Emil, der nie ein Deutscher hatte sein wollen, wütend auf Zdenka, die ihn hintergangen hatte, auf Arnošt, der ihn gewürgt hatte, auf Bürgermeister Gottstein, der sein Denunziationsschreiben nicht gelesen hatte, auf seinen eigenen Vater, weil er nie zu Hause gewesen war, auf seine Mutter, weil sie immer Recht hatte, auf die deutschen Feldmarschälle und Generäle, die diese Niederlage verschuldet hatten, auf den Führer, der so viel versprochen und am Ende rein gar nichts davon gehalten hatte, und am wütendsten war er auf diese Idioten mit Armbinde, die ihn im Morgengrauen aus dem Zug geholt hatten.«
# Der Inhalt
»Geteiltes Haus« ist eine Generationen-Saga der Familien Honců und Hollmann aus dem Bergdörfchen Benetzko im tschechisch-deutschen Grenzgebiet, im westlichen Riesengebirge. Hier werden die Freundinnen Anežka und Zdenka zu Anfang des 20. Jahrhunderts geboren. In Benetzko verbringen sie ihre Kindheit und Jugend, erleben Freud und Leid, Verrat und Verliebtsein, Treue und Untreue, unglaubliche Geheimnisse und Erwachsenwerden, Krieg und Leid, Zerstörung und Wiederaufbau, Mobilmachung und Mord und Totschlag. Aus der Polyphonie von Stimmen kristallisieren sich wenige zentrale heraus.
Die fünf wesentlichen Figuren in »Geteiltes Haus« sind die Freundinnen Anežka und Zdenka und die Gebrüder Hollmann: Vinzenz, Hans und Emil. Sämtliche Handelnden zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Während die deutsche Anežka Braun mit Hans, dem bauernschlauen Opportunisten, zwei Kinder und ein trübseliges Eheleben verbindet, lässt die tschechische Zdenka sich und ihren unehelichen Sohn (Arnošt) von Vinzenz heiraten, der brutal und feige ist. Sie haben noch einen gemeinsamen Sohn. Der sanfte Emil bringt aus dem Ersten Weltkrieg seine russisch-jüdische Frau Schenja mit nach Hause und führt im Vergleich zu seinen Brüdern ein eher ruhiges und anständiges Leben. Chronist der Dorfgeschichte von Benetzko ist der Lehrer Tomek, der eine Amour fou mit Anežka hat, bis diese sich auf die Seite der Deutschen begeben muss.
# Die Form
Über fast 900 Seiten verteilen sich 6 Abschnitte, die wiederum 238 (sofern ich mich nicht verzählt habe) kurze Kapitel enthalten. Von der K.-und-K.-Monarchie über die beiden großen Weltkriege bis in die Nachkriegszeit erstreckt sich die erzählte Zeit von »Geteiltes Haus«.
Aus dem Tschechischen hervorragend übersetzt wurde »Geteiltes Haus« von Sophia Marzolff. Das räumt auch Alice Horáčková – die übrigens selbst ein fehlerfreies Deutsch spricht – gern ein. Sprachlich klar und rauh wie das Leben in einem Bergdorf schreibt Alice Horáčková sich in die Sphären eindringlicher Literatur. Mit Irving’scher Akribie gestaltet sie die zahlreichen einzelnen Personen so genau, dass die Lesenden sich mühelos in diese hineinversetzen können. Nie lässt sie eine handelnde Person aus dem Blick, in ihren kurzen Kapiteln bringt Alice Horáčková das jeweils Wesentliche auf den Punkt. Ein Meisterwerk! Es nimmt nicht Wunder, dass sie insgesamt 14 Jahre an diesem Opus gearbeitet hat: Auf zehn Jahre Recherche folgten vier Jahre des Schreibens.
Zur Einordnung muss man Folgendes wissen: Im riesengebirgischen Benetzko lebten seit dem Mittelalter Tschechen und Deutsche friedlich miteinander. Nach dem Zerbrechen der K.-u.-K-Monarchie und dem Ende des Ersten Weltkriegs kommt es zu ersten Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die rund drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben und fanden zumeist in Bayern eine neue Heimat.
# Mein Fazit
Was für ein Opus! Jedes Wort, jeder Satz sitzt. Und das in einer Klarheit und Eindringlichkeit, die nur durch große Empathie entstehen kann. Alice Horáčková besitzt ein immenses Einfühlungsvermögen, das sie kombiniert mit großer Liebe zum Detail und historischer Faktentreue. Diese Tatsache ist mir bereits während der Lektüre von »Geteiltes Haus« aufgefallen, eine Erklärung dazu lieferte die Autorin im Zoom-Interview am 13. August 2026 selbst: Zdenka Honců ist ihr sogar genetisch nahe, denn sie ist ihre Ur-Großmutter. Somit ist »Geteiltes Haus« nicht nur ein großartiger historischer Roman, sondern zugleich eine Familienchronik der Autorin.
Die Figur des geschäftstüchtigen Hans Hollmann, der also ihr Ur-Großvater ist (wer bis hier gelesen hat, weiß jetzt über den Vater des unehelichen Sohnes Bescheid), war für Alice Horáčková, die nach eigenen Angaben ein Archiv-Mensch ist, besonders interessant; sie wollte schreibend herausfinden, was dieser Typ Charakter an sich hat, das seinen Erfolg im Geschäft und bei den Frauen begründet.
Ihr Vater habe »Geteiltes Haus« nicht gelesen, ihr Onkel sei begeistert gewesen, erzählt sie im Interview. Und das Dorf Benetzko verlangt nach einer Fortsetzung des Romans.
# Für wen ist das was?
Fesseln wird dieser fantastisch recherchierte, auf wahren Begebenheiten basierende Roman jeden, der sich für europäische Geschichte außerhalb Deutschlands interessiert. Empfehlenswert ist es, »Geteiltes Haus« nicht in Sommer-Ferienlaune zu lesen, allerdings ist es sinnvoll, die knapp 900 Seiten eher zügig zu durchschreiten, dadurch lässt sich der Inhalt kompakter in seiner Gänze und Schönheit wahrnehmen. Wer Bambino mochte, wird auch von »Geteiltes Haus« nicht enttäuscht werden.
Claudia Stieglmayr
»Geteiltes Haus« von Alice Horáčková
Hardcover Leinen, Diogenes Verlag
896 Seiten
19. Augst 2026, 28 Euro
978-3-257-07400-0
»Geteiltes Haus« von Alice Horáčková wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zu Rezensionszwecken als E-Book kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.
